Die «Bischofszeller-Bahn»
Bahnlinie Sulgen – Bischofszell– Gossau SG: Eine Publikation zum Jubiläum 150 Jahre „Bischofszeller-Bahn“
Zum 60. und zum 100. «Geburtstag» der Bahnstrecke Sulgen – Bischofszell – Gossau (SG), über die man heute zwischen Weinfelden und St. Gallen fährt, sind von Albert Knoepfli (1936) und Anton Fontanive-Bucher (1976) Darstellungen zu ihrer Geschichte erschienen, die noch heute für einen Überblick massgeblich sind. Damit soll nicht das Verdienst früherer Abhandlungen wie jene von Paul Widrig (1919) oder verschiedener Aufsätze und Beiträge im Laufe der Zeit geschmälert werden, im Gegenteil, sie alle sind auf ihre Weise «Steigbügel» für weitere Forschung.
Im Jahr 2026 erlebt die Strecke bereits den stolzen 150. Geburtstag und eine zeitgemässe Abhandlung – historische Quellen sind heutzutage zugänglicher denn je – ist leider nicht in Sicht.
Jubiläen werden heute, wenn überhaupt, anders gefeiert als früher. Etwas Bleibendes wie eine Publikation zu schaffen, steht oft weniger im Zentrum. Ein Jubiläum ist aber mehr als ein Datum – es ist ein Moment des Innehaltens. In einer Zeit, in der Bewegung und Verbindung selbstverständlich erscheinen, erinnert uns das Feiern einer Eisenbahnstrecke daran, dass nichts selbstverständlich war und ist. Als die Linie durch das Sorntal und über die Sitter mit all ihren Herausforderungen (angefangen beim finanziellen Opfer) gebaut wurde, bedeutete sie Anschluss an die moderne Welt, Aufbruch, Hoffnung und Fortschritt. – Heute ist auch eine derartige Nebenbahn Zeugnis dafür, was gemeinsamer Wille und technische Leistung vermögen. Eisenbahngeschichte zu erforschen, heisst auch, Spuren jener Menschen sichtbar zu machen, die Weichen gestellt haben – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Rückblick ist nicht nur Blick zurück, sondern auch eine Geste der Dankbarkeit und der Wertschätzung: Er lässt uns begreifen, worauf Gegenwart ruht. Jede Schiene, jeder Bahnhof, jede Erinnerung erzählt davon, wie Zukunft möglich wurde – damals wie heute. Denn auch Visionen ändern sich. Welche Zukunft möglich wird, zeigt sich just im aktuellen Jubiläumsjahr: Die gut 32 Kilometer kleine Nebenbahn ermöglicht eine neue internationale Verbindung von Weinfelden über Gossau, St. Gallen nach Lindau und Bregenz. Bemerkenswert im Falle einer Nebenbahn, der noch vor gut 30 Jahren die Stilllegung drohte.
Die Frage, ob die Bahn die in sie gesteckten Hoffnungen und Erwartungen erfüllt hat, steht nicht im Zentrum der vorliegenden Publikation; wie eben bemerkt, haben schliesslich auch Hoffnungen und Erwartungen eine Geschichte. Eine moderne, umfassende Geschichte von den Anfängen bis heute fehlt, die bisherige Literatur lässt viele Fragen offen oder umgeht sie. Verschiedene Quellen im Staatsarchiv des Kantons Thurgau (StATG), aber auch jenem des Kantons St. Gallen (StASG), im Archiv der SBB (SBB Historic), im Bundesarchiv in Bern, in Archiven der Bürgergemeinden (allen voran Bischofszell) und Politischen Gemeinden harren der systematischen Auswertung.
An dieser Stelle setzt die vorliegende Publikation, die in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum Bischofszell zum 150-Jahr-Jubiläum erscheint, bei der oben erwähnten «Steigbügel»-Funktion an. Sie erinnert, aber trägt nicht nur Bekanntes zusammen. Die Schrift zum Jubiläum möchte die Neugier gegenüber dem vermeintlich Selbstverständlichen wecken und vor allem zu weiterer Forschung anregen.
Im Aufsatz Die «Bischofszeller-Bahn» – ein Resümee der langen Geschichte einer kurzen Nebenbahn» geht es um die Entstehung der Bahn und die früheste Geschichte. Er fasst die wichtigsten Linien dieser Geschichte zusammen und lässt neue Gedanken, Hinweise und weiterführende Fragen einfliessen.[1] Anton Heer wirft in seinem Beitrag einen Blick auf die eindrücklichen Werke des Brückenbauers J. Beat Gubser über die Sitter und das Sorntal. Eine einmalige Quelle aus dem Historischen Museum Bischofszell ist das Manuskript einer Augenzeugin, die im Zentrum des Geschehens aufgewachsen ist: Die Erzählung von Elisabetha Schlatter wird vollständig wiedergegeben. Es sind einmalige Einblicke in die Geschehnisse rund um die Planung und den Bau sowie die damalige Lebenswelt. Es erscheinen Namen, Details gleichermassen wie Anekdoten. Anschaulich und ausführlich ist etwa das Zusammenleben mit den zahlreichen italienischen Arbeitern beschrieben. – Christian Ammann nimmt die ganze Strecke in den Blick: Ihm verdankt die Publikation eine Chronik der wichtigsten Ereignisse auf der «Bischofszeller-Bahn» sowie eine Kurzchronik der einzelnen Stationen und Bahnhöfe.
An dieser Stelle verdanke ich die Beiträge der Autoren im Namen des Vereins «flügelrad» sehr herzlich. Grosser Dank gebührt dem Historischen Museum Bischofszell für die gemeinsame Herausgabe, die das Jubiläum auch im Zentrum des Geschehens würdigt. Herzlichen Dank für die Bereitstellung von Bildmaterial aus seinem Fundus, der Kuratorin Corina Tresch für die Beratung in historischen Fragen. Auch die weiteren Institutionen wie das Staatsarchiv des Kantons Thurgau und das Bischofszeller Bürgerarchiv seien herzlich verdankt. Die sorgfältige Gestaltung der Publikation ist das Werk von Milan Krebs, «flügelrad», Weinfelden. Dass er, kurz nachdem die beiden Bücher zur Geschichte der Mittel-Thurgau-Bahn erschienen sind[2], ohne zu zögern wieder in einem Projekt mitgearbeitet hat, rechne ich ihm hoch an.
Bei jedem Rückblick ergeben sich neue Fragestellungen, und neue Erkenntnisse tragen ein weiteres Stück zum Gesamtbild bei. In diesem Sinn möge die Bahn mit ihrer prosperierenden Zukunft geduldig einer ihr würdigen historischen Aufarbeitung harren.
[1] Eine gekürzte Version dieses Aufsatzes erscheint parallel in der Zeitschrift «Eisenbahn-Amateur», die ihre Juni-Ausgabe (6/2026) der «Bischofszeller-Bahn» widmet.
[2] Mente, Michael. Die frühe Geschichte der MThB. Von den Ursprüngen und Anfängen einer grenzüberschreitenden Nebenbahn. Weinfelden 2025. (= Reihe «Die Mittel-Thurgau-Bahn [MThB] und ihre Geschichte», 1).
Mente, Michael und Krebs, Milan. Erinnerungen an die MThB. Eine Zeitreise in Bildern und eine Spurensuche entlang der Strecke. Weinfelden 2025. (= Reihe «Die Mittel-Thurgau-Bahn [MThB] und ihre Geschichte», 2).
Bestellung der Broschüre hier.